Rainer Herrn

Rainer Herrn ist Medizinhistoriker an der Charité Berlin und ausgewiesener Experte für die Geschichte der Sexualwissenschaft. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft erforscht er seit mehreren Jahrzehnten das Leben und Werk Magnus Hirschfelds sowie die Geschichte des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft. Am 4. Dezember 2025 kam Rainer Herrn nach Paris in die Maison Heinrich Heine, um die französische Übersetzung seines 2022 bei Suhrkamp erschienenen Buches Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919–1933 [De lamour et de la souffrance. LInstitut berlinois de science sexuelle (1919-1933), Éditions de la Maison des Sciences de l’Homme, 2025] vorzustellen. Die Veranstaltung fand im Rahmen des 90. Todestages Magnus Hirschfelds statt, der 1935 in Nizza verstarb, nachdem er von 1933 bis 1934 im Pariser Exil gelebt hatte. Gemeinsam mit Hussein Bourgi, Senator des Hérault, und Flora Bolter, Co- Direktorin des Observatoire LGBT+ der Fondation Jean Jaurès, diskutierte Herrn über das Vermächtnis dieses einzigartigen Instituts, das Forschung, medizinische Versorgung, Aufklärung und Schutzraum vereinte – bis zu seiner Zerstörung durch die Nationalsozialisten 1933. Die Veranstaltung wurde von Jean-Marc Berthon, dem französischen Botschafter für die Rechte von LGBT+-Personen, eröffnet. Parallel zeigte eine Ausstellung der Magnus- Hirschfeld-Gesellschaft Dokumente zu Hirschfelds Exiljahren in Frankreich, die von Hans Bergemann und Ralf Dose kuratiert wurde.

Im folgenden Interview für die 20. Ausgabe der Revue Pariser Platz zum Thema „Traduire le monde contemporain“ spreche ich mit Rainer Herrn über den Übersetzungsprozess seines Werkes, die Bedeutung von Paris als Zufluchtsort für Hirschfeld, die Bedeutung des Instituts für heutige queere Bewegungen und die Lehren aus dieser Geschichte für unsere Gegenwart.

Philippa Jäger: Wie erleben Sie als Autor den Prozess, wenn Ihr Werk in eine andere Sprache übersetzt wird? Welche Rolle spielen Sie dabei – sind Sie eher Beobachter oder aktiv in den Dialog mit der Übersetzerin eingebunden?

Rainer Herrn: Das hängt immer von der Sprache ab, ob ich ihr mächtig bin oder nicht. Im Falle des Französischen bin ich ihr nicht mächtig und das war eine neue Erfahrung. Das war mit einigen Unsicherheiten verbunden, weil ich die Qualität der Übersetzung und die Fähigkeiten der Übersetzerin vorab nicht kannte und mich auf das Urteil von Frau Sund verlassen musste, die ich ja auch nur flüchtig kennengelernt hatte. Kurz und gut: es wurde eine ausgezeichnete Übersetzung. Was mich zudem noch ein Stück beunruhigt hat, war meine Annahme, dass mich die Übersetzerin recht bald kontaktieren und mit mir Feinheiten und Probleme der Übersetzung besprechen wird. Doch das geschah zunächst nicht, sondern erst im Nachgang. Erst nach Abschluss der Rohübersetzung sind wir die nicht gelösten Fragen – das waren Auflistungen von mehreren Seiten pro Kapitel – dann gemeinsam mit Frau Sund Punkt für Punkt durchgegangen. Dabei stellte sich heraus, dass die Übersetzung sehr gut gelungen ist. Aber es gibt eine besondere Schwierigkeit bei historischen Arbeiten zu Sex und Gender, weil es um sich wandelnde Identitäten geht; da ist es die Frage des Wordings. Wir leben heute in einer Begriffswelt, in der wir aktuell gebräuchliche Bezeichnungen für Identitäten verwenden, die zwar ein konkretes Selbstverständnis beschreiben, das aber erst historisch gewachsen ist, also das es damals noch nicht gab. Insofern ist es unzulässig, aktuelle Bezeichnungen umstandslos auf historische Personen(-gruppen) anzuwenden. Diese Transformation galt es bei der Übersetzung zu bedenken. Die sexuellen und geschlechtlichen Identitäten haben sich infolge der starken Medikalisierung seit dem 19. Jahrhundert auseinanderentwickelt durch bestimmte (sub-)kulturelle, aber vor allem auch selbstermächtigende Bestrebungen, die mit der Nicht-Identität des Zugewiesenen zu tun haben. Also eigentlich haben sich geschlechtliche und sexuelle Identitäten infolge der Nichtübereinstimmung mit der medizinischen Zuweisung auseinanderdividiert, immer auf der Suche nach einer neuen Form dessen, die ihnen eher entspricht, mit der sie sich identisch fühlten. Es ist ein Wechselspiel von Fremdzuweisung und Selbstbeschreibung. Nun ist diese Entwicklung für Deutschland so spezifisch, dass es sie in analoger Weise in Frankreich nicht gegeben zu haben scheint. Das ist noch ein zusätzliches Problem: Wie kann man etwas, was es in der französischen Kultur so nicht gegeben hat, sprachlich adäquat übersetzen, aber dabei nicht das aktuelle Wording benutzen, sondern ein historisch angemessenes Wording. Und das war eine Schwierigkeit, die Frau Anglaret brillant gelöst hat und ich bin sehr dankbar dafür.

PJ: Die französische Ausgabe erscheint in einem anderen kulturellen und wissenschaftlichen Kontext als die deutsche. Welche neuen Lesarten oder Interpretationen Ihrer Arbeit erwarten oder erhoffen Sie sich durch das französische Publikum?

RH: Ich bin sehr gespannt auf das Feedback, wie die Rezensionen ausfallen werden, ob es Rückfragen und einen Austausch geben wird. Vielleicht hat es das, wovon ich gerade sprach, nämlich, dass es diese Entwicklung der Identitäten nicht gegeben habe in Frankreich, durchaus gegeben. Vielleicht verwendete man auch andere Begriffe, andere Kategorien, andere Vorstellungen und Definitionen dafür, sodass wir im Grunde durchaus Parallelen zu Deutschland ziehen können. Denn es wäre für mich eine riesige Überraschung, dass das, was in Deutschland passiert ist, in Frankreich überhaupt keinerlei Entsprechung haben sollte. Ein Beispiel dafür ist Rosa Bonheur. Rosa Bonheur hat, wenn ich das richtig erinnere, 1854 die Genehmigung bekommen, öffentlich Männerkleider tragen zu dürfen. Das gleiche trifft später für George Sand zu. Eine solche Genehmigungspraxis gab es in Deutschland im frühen 20. Jahrhundert offiziell, wo Hirschfeld solche Erlaubnisse für ordinäre Personen erwirkt hat, in Absprache mit dem Berliner Polizeipräsidenten. Das heißt, es gibt durchaus Parallelen. Wir müssen nur schauen, was die Bedingungen dafür waren und wer sind die Personen gewesen, weil Künstlerinnen und Künstler wie Bonheur und Sand immer besonders exponierte Personen sind, denen größere Freiräume zugestanden wurden als ordinären Menschen, wie das in Deutschland war. Also, es scheint Parallelen gegeben zu haben und wir müssen die Bedingungen vergleichen, unter denen diese Parallelität stattgefunden hat. Andererseits gab es auch gravierende Unterschiede, so hat es im Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts keine vergleichbare Politisierung sexueller und geschlechtlicher Minderheiten in Form einer sich selbst organisierenden Sexualreformbewegung, die offen für Liberalisierungen gekämpft hat, sowie einer sich reich entfaltenden Subkultur gegeben, wie in Deutschland. Insofern ist das Scheitern von Hirschfelds Versuch, im Pariser Exil sein Institut neu zu gründen, auch nicht verwunderlich. Das hat sicher auch mit religiösen Einflüssen zu tun, während die Zentren der Liberalisierung in Deutschland protestantisch/jüdisch geprägt waren, ist Frankreich vornehmlich vom Katholizismus mit entsprechendem Moralkodex geprägt gewesen.

PJ: Wir befinden uns heute in Paris, wo Hirschfeld von 1933 bis 1934 im Exil lebte, bevor er nach Nizza ging. Paris war für ihn ein Ort der Hoffnung und des Neuanfangs nach der Zerstörung des Instituts. Was bedeutet es, gerade hier über sein Lebenswerk zu sprechen – in dieser Stadt, die ihm Zuflucht bot?

RH: Ja, das ist eine sehr ambivalente Geschichte, weil Hirschfeld zum einen – das schreibt er auch in seinen Aufzeichnungen – eigentlich Deutschland nahe sein wollte, weil er glaubte, dass der Hitler-Spuk nur kurz anhalten wird und er zurückkehren kann. Deshalb wollte er unmittelbar in der Nähe des Berliner Instituts bleiben. Hirschfeld fühlte sich ja sehr, sehr entwurzelt. Man hätte annehmen können, dass er eventuell in einem anderen deutschsprachigen Land Zuflucht sucht, weil dort die kulturellen Parallelen und die sprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten viel mehr dazu angetan gewesen wären, zum Beispiel Prag, Wien oder Zürich. Aber er hat Paris gewählt. Er war ja auch kurz vorher in der Schweiz. Zum einen war es eine Frage der Aufenthaltserlaubnis, der Grund für Frankreich scheint letztlich gewesen zu sein, dass er versuchen wollte, ein ähnliches Institut in der Pariser Metropole als Übergangslösung zu gründen. Hirschfeld wollte also sein Lebenswerk fortsetzen und hat sich offenbar – die Gründe sind mir nicht genau erschlossen – von Paris große Chancen dafür ausgerechnet, obwohl seine Approbation in Frankreich nicht anerkannt wurde und er ja nur über den Elsässischen Arzt Edmund Zammert, ein Studienkollege seines älteren Bruders, die Approbation „ausleihen durfte“ und so auch praktizieren konnte. Er musste ja auch ein Einkommen als Arzt generieren, weil er weder von Vorträgen noch von Veröffentlichungen allein leben konnte. Denn das Wichtige war ja, Hirschfeld war aller seiner Vermögenswerte beraubt, und jetzt war die Frage, wovon lebt er? Er hatte von seiner Weltreise aus Hongkong einen neuen Schüler und Freund mitgebracht, Li Shiu Tong, Tao Li genannt, der aus einem sehr reichen Elternhaus kam und von dem er sich Geld geliehen hat. Das war eine prekäre Situation für einen Mann, der 65 Jahre alt ist und sich von seinem jungen Liebhaber aus der finanziellen Not heraus Geld leihen musste. Wir müssen uns vorstellen, Hirschfeld war eine berühmte Person, die vermögend gewesen ist, der plötzlich, allen seines Eigentums beraubt, keinen Zugang mehr hatte; der junge Tao Li hatte ihn bewundert, und plötzlich kehrt sich dieses Verhältnis um. Hinzu kommt – das war ja die Schwierigkeit Hirschfelds – dass er Teile seines Nachlasses oder besser gesagt seines Eigentums, das bei der Institutsplünderung konfisziert wurde, über Strohmänner, eigentlich eine Strohfrau, seine Freundin Margarete Dost, bei Auktionen zurückgekauft hat und nun darauf aufbauend ein neues Institut gründen wollte. Aber da machte ihm die französische Justiz einen Strich durch die Rechnung, weil sein wichtigster und einziger Mitarbeiter, sein Lebensgefährte Karl Giese aufgrund einer Badeanstaltsaffäre (offenbar hat er eine sexuelle Begegnung in einem Schwimmbad gehabt), aus Frankreich ausgewiesen wurde. Hirschfeld hat sich redlich bemüht bei allen Instanzen, dass Karl Giese als sein Lebensgefährte und Mitarbeiter bleiben darf, das ist nicht gelungen. Giese endete dann drei Jahre nach Hirschfelds Tod 1938 auch im Suizid in Brno. Aber zunächst war seine Ausweisung für Hirschfeld eine ganz herbe Niederlage, der Verlust einer auch mit seinem Lebenswerk vertrauten Person. Hirschfeld vermachte Tao Li und Karl Giese testamentarisch seinen Nachlass, sein Vermögen und auch sein geistiges Erbe. Das konnten sie aber nicht antreten, weil sie dazu hätten deutschen Boden betreten müssen und bei der Gelegenheit wahrscheinlich verhaftet worden wären, wenn nicht Schlimmeres. Ungeachtet dessen, hoffte Hirschfeld in ihnen auf die Fortsetzung seines Werkes. Auch das Wissen, nicht nach Deutschland zurück zu können, er beschreibt das mit sehr emotionalen und ergreifenden Worten, und das kann man nur zu gut verstehen. Ein Kollege von mir sagte mal, woran Hirschfeld gestorben ist; er starb nicht an einer seiner durchaus lebensbedrohlichen Krankheiten wie Neuritis, Diabetes und Malaria, sondern an gebrochenem Herzen. Das klingt vielleicht pathetisch, aber ich glaube, das ist es tatsächlich, er war verzweifelt und resigniert. Hirschfeld stürzt aus der Höhe größter Wertschätzung; 1928 feierte er seinen 60. Geburtstag, was Anlass für seine Mitarbeiter war, Repräsentanten der deutschen links-liberalen Elite um eine Einschätzung seines Werkes zu bitten. Die in einer Broschüre versammelten kurzen Statements unter anderem von Sigmund Freud und Thomas Mann, sind voll des Lobes und der Anerkennung, was für ein tapferer Kerl er ist und was für ein guter Wissenschaftsorganisator er sei. 1930 geht er auf eine Weltreise, wo er als Repräsentant der deutschen Wissenschaft gefeiert wird. Er wird vom japanischen Kaiser und andernorts von den lokalen Zelebritäten empfangen sowie von den deutschen Botschaftern hofiert. Und dann kommt er zurück und ist ökonomisch ein Nichts, ein Nobody, mittellos, er wird in Deutschland beschimpft, verachtet und physisch bedroht, sollte er zurückkommen. Schon während seiner Weltreise suchten ihn die Nazis in seinem Institut. Wir haben die letzte Mitarbeiterin von ihm, Adelheid Schulz, 2003 interviewt, sie beschreibt, dass dort SA-Leute kamen und fragten, wo Hirschfeld sei, und sie sagte, er ist auf einer Weltreise, den suchen sie hier vergebens. Das hat er von ihr und anderen Mitarbeitern erfahren. Aufgrund der Warnungen ist er nicht nach Deutschland zurückzukommen, das ist eine Tragödie.

PJ: Jean-Marc Berthon, Botschafter für LGBT+-Rechte, hat die Veranstaltung am 4.12. eröffnet. Wie bewerten Sie die Rolle staatlicher Institutionen im Kampf für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt heute – im Vergleich zu Hirschfelds Zeit, als er auf staatliche Anerkennung hoffte, aber letztlich scheiterte?

RH: Ich halte diese staatliche Anerkennung und Implementierung in politischer Entscheidung für ungeheuer wichtig. Hirschfeld hat darum gekämpft, wie ein Löwe, möchte ich sagen. Er ist nicht gescheitert, das stimmt nicht ganz. Er hat ja viele, kleine Teilerfolge im Hinblick auf die Anerkennung von Transpersonen und im Umgang mit ihnen erzielt. Das Recht für intersexuelle Personen, ihre Geschlechtszugehörigkeit selbst zu bestimmen, hat er durch die Hintertür des Gutachters wieder eingeführt, nachdem sie 1900 vom Gesetzgeber abgeschafft worden war. Und 1929 gelang es sogar, und das ist natürlich nicht ohne Hirschfelds Zutun geschehen, dass der Strafrechtsausschuss des Deutschen Reichstags für die Abschaffung des Paragrafen 175 plädiert und dies dem Deutschen Reichstag empfiehlt. Nur aufgrund der politischen Wirren und der Polarisierung in der ausgehenden Weimarer Zeit wird das dann im Reichstag nicht zur Abstimmung gebracht, aber das sind auch Erfolge von Hirschfeld. Wenn im Meyers-Lexikon beispielsweise steht, dass Homosexualität keine Krankheit ist, sondern eine Variante, die nicht pathologisch ist, dann sind das Hirschfeldsche Positionen, die sozusagen in das bildungsbürgerliche Allgemeingut übergegangen sind.

Er ist ein Vorreiter der Bewegung sexueller und geschlechtlicher Minderheiten gewesen und umso wichtiger ist es heute, dass wir auch politische Repräsentanten haben, auch innerhalb unserer Bundes- und einzelnen Landesregierungen, die sich für deren Rechte und ein liberales gesellschaftliches Klima einsetzen. Da findet gegenwärtig einiges statt. Beispielsweise gibt es gerade diese Ausstellung, „gefährdet leben, Queere Menschen 1933–1945“, die Bärbel Bas als Bundestagspräsidentin initiiert und beauftragt hat, die Auskunft gibt über die Verfolgung sexuell und geschlechtlich diverser Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus, die jetzt durch die einzelnen Bundesländer tourt und dort eine große Aufklärungsarbeit leistet. Ebenso wichtig ist es, dass die Bundeszentrale und die Landeszentralen für politische Bildung Veranstaltungen über Homosexualität, Trans- oder Intergeschlechtlichkeit anbieten, und in der APuZ-Reihe (Aus Politik und Zeitgeschichte) einzelne Sonderhefte über deren Geschichte, über den Umgang mit ihnen und über deren Rechte erschienen sind. Das sind in der politischen Bildung hochrelevante Aspekte. Es geht nicht darum, Entscheidungen an die Obrigkeit zu delegieren, aber man muss sie als Verbündete im Boot haben. Man muss die Repräsentanten haben, die die eigenen Interessen in der Regierung vertreten und in Gesetzen verankern, die so leicht nicht rückgängig gemacht werden können.

PJ: Sie haben die vielfältigen Aktivitäten des Instituts für Sexualwissenschaft beschrieben. Inwieweit ging Hirschfelds Engagement über die LGBTQ-Thematik hinaus?

RH: Was wir bei dieser ganzen Fokussierung auf LGBTQ-Rechte und -Forschung nicht aus dem Blick verlieren dürfen, ist, wie Hirschfeld auch versucht hat, die Allgemeinbevölkerung, insbesondere Frauenrechte, reproduktive Rechte, in seiner Arbeit einzubeziehen, aber nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch. Am Institut gab es eine breite Aufklärung. Wir müssen daran denken, dass bis Mitte der 1920er Jahre das geschriebene und das gesprochene Wort im Vortrag das Medium der Aufklärung war. Der Film war durch die Wiedereinführung der Zensur 1921 kein zugängliches Mittel. Und Hirschfeld hat diese Klaviatur brillant beherrscht. Er hat viele Aufklärungsschriften verfasst und selbst solche Zeitschriften mitherausgegeben, er hatte einen sehr leicht verständlichen Schreib- und Vortragsstil gehabt, um Menschen von seinen Positionen zu überzeugen. Wir sprachen bislang nur über Hirschfeld, aber er hatte einen ganzen Stab von wissenschaftlichen und alltagspraktischen MitarbeiterInnen. Einer seiner begabtesten und populärsten Sexualaufklärer war Max Hodann, ein Stadtarzt in Berlin-Reinickendorf, der aus der Jugendbewegung kam und mit solchen Büchern wie Bringt uns wirklich der Klapperstorch? Ein Lehrbuch, für Kinder lesbar (1930) oder Bub und Mädel. Gespräche unter Kameraden über die Geschlechterfrage (1924) stilprägend wurde. Hodann hat ebenso erfolgreich Sexualberatung für Erwachsene in Wort und Schrift betrieben. Die wesentlichen Themen waren Schwangerschaftsverhütung, Abtreibung und Prävention von Geschlechtskrankheiten, aber auch solche – damals heikle – Fragen nach erfüllter Sexualität in Ehe und Partnerschaft wurden nicht ausgespart.

Der Film Cyankali (1930), der für das Recht auf Abtreibung eintritt, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Friedrich Wolf, einem jüdischen Berliner Arzt und Kommunisten, wurde von Hirschfeld im Kino Babylon zur Premiere öffentlich vorgestellt. Die Möglichkeiten, schwangerschaftsverhütende Mittel zu verbreiten, galten als Mittel zum unzüchtigen Gebrauch, deren Werbung in der Öffentlichkeit verboten war. Hier ist Hirschfeld mit seinen Mitarbeitern dafür eingetreten, darüber aufzuklären, wie sicher Pessare, Portiokappen und Kondome sind und wie sie angewendet werden. Aufgrund des Unwissens in der breiten Bevölkerung hat er zusammen mit Richard Linsert die Broschüre, Empfängnisverhütung. Mittel und Methoden (1928), veröffentlicht. Es ist die erste umfassende Aufklärungsschrift überhaupt, die zu diesem Thema erschienen ist und deshalb innerhalb von zwei Jahren neun Auflagen erlebt hat. Es ging darum, einer unwissenden Bevölkerung überhaupt Mittel und Möglichkeiten an die Hand zu geben, was kann man denn tun, um Schwangerschaft zu verhüten? Man glaubte ja alles Mögliche damals. Gar nicht eingegangen bin ich bisher auf die sexualtherapeutischen Angebote im Institut, auf die dort stattfindende Sexualberatung für die breite Berliner Bevölkerung, die sich offenbar nicht gescheut hat, dahin zu gehen. Obwohl dieses Institut in einem der besten Viertel von Berlin lag, kamen auch Proletarierinnen und Proletarier ins Institut und haben dort Rat gesucht. Und die, die nicht kamen, die wurden aufgesucht in Arbeiterbildungsvereinen, in Volkshochschulen. Also das ist, glaube ich, eine Arbeit, die ganz zentral war und dem Institut auch den Zulauf und damit das ökonomische Überleben sicherte. Es gab Aufklärungszeitschriften, die Hirschfeld herausgegeben hat. Eine Aufklärungszeitschrift heißt sogar: Die Aufklärung. Eine andere, von seinem Mitarbeiter Ludwig Levy-Lenz herausgegebene heißt Die Ehe. Also da wurden auch in populären Zeitschriften Positionen und Wissen vermittelt und vertreten, die durchaus progressiv waren. Das sind Aspekte, die wir immer mitdenken müssen, auch wenn wir vor allem über die Belange der heutigen LGBTQ-Community gesprochen haben. Es gibt eine große Vielfalt von Interessen und von Zielgruppen, die in der Gleichzeitigkeit dort Hilfe, Aufklärung, Beistand und Zuflucht gefunden haben.

PJ: Abschlussfrage: Sie haben mit Ihrer Forschung dazu beigetragen, dass Hirschfeld und sein Institut nicht vergessen wurden. Was ist die wichtigste Lektion aus der Geschichte des Instituts für Sexualwissenschaft, die wir uns heute unbedingt bewahren sollten?

RH: Etwas völlig Banales eigentlich. Was wirklich schwer umzusetzen ist, das ist Courage. Das ist Zivilcourage zu haben, öffentlich für die Menschenrechte einzutreten, in dem Falle, der sexuellen Menschenrechte. Das hat Hirschfeld in einer für mich bewunderungswürdigen Weise gemacht. Wir wissen, dass er von Beginn seiner Karriere an antisemitischen und homophoben Angriffen ausgesetzt war und nach einem Vortrag 1920 in München auf offener Straße vom rechten Mob niedergeschlagen und danach für tot erklärt wurde. Er hat seinen eigenen Nachruf, seine Todesmitteilung in den Leipziger Neuesten Nachrichten 1920 gelesen, als er mit dem Zug zurückgefahren ist von München nach Berlin. Kaum zurück in Berlin, geht er unmittelbar danach auf die nächste Vortragsreise nach Hamburg, wo die nächsten Krawalle und Übergriffe angedroht wurden. Und er sagt, ich mache es trotzdem. Diesen Mut zu haben, und zwar über dreißig Jahre hindurch allen Widrigkeiten zum Trotz, das finde ich als bewunderungswürdig. Da bin ich dann auch mit vielen Dingen nachsichtig, wo Hirschfeld sozusagen fehlgegangen ist, wo er sich geirrt hat. Das zu betonen ist mir aber ebenso wichtig. Wir brauchen keine erstarrten Helden, sondern lebendige Vorbilder, auch mit Fehl und Tadel. Für Karl Heinrich Ulrichs, dem wichtigsten Vorkämpfer für die Rechte sexueller Minderheiten im ausgehenden 19. Jahrhundert, gilt das gleichermaßen wie für seinen geistigen Erben Hirschfeld. Er war kein Don Quijote und kein Hasardeur, sondern ein mutiger Kerl, der im Bewusstsein der Risiken zu sich selbst und seinen Zielen stand, für die er gekämpft hat.

Propos recueillis par Philippa Jäger