Carte blanche

Écritures créatives

Als ich in der zehnten Klasse für drei Monate in Deutschland gewesen bin, habe ich alles in Frage gestellt. Nichts hat Sinn gemacht, ich sollte nicht hier sein. Nichts war für mich normal, alles fehlte mir. In Frankreich war es so, dass ich auf die einfachen Dinge um mich herum nicht aufgepasst habe. Die Straßen, die Geschäfte, die Menschen. Ich behalte diese Distanz bexi: « Oh, Frankreich, da gibt’s was Besseres ». Und als ich nach Deutschland gekommen bin, gab es nichts Besseres als Frankreich. Natürlich hat sich das weiterentwickelt. Nach und nach habe ich meinen Platz gefunden, meine Gewohnheiten und meine Lieblingsplätze. Aber ich habe bemerkt, dass ich mehr auf die Welt um mich herum achten sollte. Ich musste alles, was ich gesehen habe, in mich aufnehmen. Sehr schnell gewöhnte ich mich an mein Leben dort. Die Fahrt mit dem Fahrrad zur Schule, das Eis, das der Lehrer gekauft hat, die täglichen Ausflüge zum See und sogar die einfachen Spaziergänge im Park. Und ich habe mich darin verloren. Ich habe nicht mehr an Frankreich gedacht, an die Menschen dort, an meine Freunde. Ich hatte keinen Kontakt, zu niemandem. Ich hatte das Gefühl, dass ich sie nicht brauchte. Als ich nach Hause gegangen bin, musste alles von vorne beginnen. Ich kannte die Leute nicht mehr und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich hatte nicht mehr meine Gewohnheiten und ich hatte das Gefühl, dass meine Eltern nicht verstanden, was ich gerade erlebt hatte. So toll es auch war, in Frankreich zu sein, es machte keinen Sinn mehr. Bei jeder Reise zwischen den beiden Ländern tauchte dieses Gefühl wieder auf. Nie verließ mich das Gefühl, ein Zuhause zu verlassen, und nie das Gefühl, im Unbekannten zu sein.Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendwo wirklich hingehöre. Zumindest nicht im Moment. Mein Zimmer ist nicht wirklich meins, aber sobald ich es verlasse, erscheint mir nichts mehr attraktiv. Das Leben in Deutschland scheint nicht zu mir zu passen, aber sobald ich keinen Zugang mehr dazu habe, kann ich nur noch daran denken, es wiederzufinden. Letztendlich ist der einzige Ort, an dem ich mich wie am richtigen Ort fühle, der Zug. Dieser Moment, in dem ich mich weder in einem Land noch in einem anderen befinde und in dem es keine Rolle spielt.

– Marie

Im Moment ist Frankreich meine Wahlheimat und zum Teil fühle ich mich dort wohler als in Deutschland, meiner eigentlichen Heimat. Sich Zeit nehmen, zu essen, das wirklich zu zelebrieren, zu sitzen, zu reden, zu essen immer mindestens zwei Gänge, das fehlt mir in Deutschland.Menschen, die sich zum ersten Mal sehen und gleich zwei Küsschen geben, an jeder Wange einmal knapp vorbei, für mein deutsches Ich, bizarr. Eine nicht wirklich ambitionierte Mülltrennung und nur zwei vegetarische Menschen in meinem Studiengang tun mir in der Seele weh. Aber das sind eben Unterschiede, nicht ? Obwohl Frankreich meine Wahlheimat ist, fehlt mir manches Deutsche.

-Hannah

Mein sicherer Ort ist Deutschland. Es ist mein Land des Trostes mit glücklichen Erinnerungen und Sicherheitsgefühl. Die Entscheidung, dieses Studium zu machen, spiegelt all diese Gefühle wieder : das Gefühl, einen Platz gefunden zu haben, meinen Platz. Es gab immer ein bisschen Unschärfe um mich herum : sowohl aus Marseille, der multikulturellen Stadt, als auch aus gemischten Herkünften und der Migrationsgeschichte, aber vor allem von französischen Eltern und der französischen Sprache. Und es gibt immer Menschen, die versuchen, mich in eine Kategorie zu ordnen, während meine Eltern mich ermutigen, das Unbekannte kennenzulernen. Schließlich habe ich mich für Deutsch entschieden. Ich kann es nicht erklären, aber wenn ich das Land besuche, fühle ich mich wohl, willkommen und an meinem Platz. Ich liebe Frankreich (vielleicht den Süden mehr) und alles, was es mir bringt und bietet. Ich bin stolz auf meine Stadt und die kulturelle Mischung. Aber ein Teil von mir hat Deutschland als Zufluchtsort erkannt. Eine immer positive Blase. Menschen, die so offen sind. Ich werde nie wirklich eine Deutsche sein. Aber es gibt etwas in mir, das aufblüht und mich in diese Richtung zieht. Doch werde ich, wenn man mich bittet, mein Haus zu definieren, meine Familie nennen. Nicht ganz Frankreich, viel mehr Marseille und der Süden und definitiv meine Familie. Und dieser kleine Faden, der immer stärker nach Osten zieht.

Manchmal fühlt es sich so an, als würde ich zwischen zwei Welten leben. In Frankreich bin ich die Deutsche und in Deutschland bin ich die, die Frankreich liebt. Und dann frage ich mich oft, wo ist mein Zuhause? Die Antwort darauf kenne ich nicht. Wahrscheinlich irgendwo zwischen Paris, Berlin und der Vergangenheit. Irgendwo zwischen Croissants und Currywurst, Orangina und Club-Mate, Brasserie und Späti. Ich habe keine Ahnung, wo es mir besser geht und wo ich mich wohler fühle. Habe ich das Eine, fehlt mir das Andere. Dann ertappe ich mich oft, wie ich durch Berlin laufe, mit Barbara oder Orelsan in meinen Ohren und an diese eine Nacht denke, in der wir auf den Sonnenaufgang über Montmartre gewartet haben. Doch welches Lied haben wir gehört, als sich der gelbe Ball über die Häuser von Paris erhob? Das Orangenlied von Annenmaykantereit. Vielleicht liebe ich es einfach Fernweh oder Heimweh zu manifestieren, vielleicht suche ich auch verzweifelt nach einem Ort zwischen dem Eiffelturm und dem Brandenburger Tor, vielleicht aber hab ich einfach das Glück, mich überall, wo ich will, zuhause zu fühlen und wahrscheinlich ist das heutzutage sogar möglich. Zwar werde ich in Frankreich nie ein so qualitativ gutes Bier finden wie im Kreuzberger Späti oder Potsdamer Biergarten, aber ich kann mir Choucroute mit Speck vom Markt kaufen, Club-Mate finde ich bei Franprix und Henning May gibt es auf Spotify, egal ob ich auf einer Pariser Parkbank oder im Mauerpark sitze. Doch schaue ich auf das, was sich hinter dem Land, in dem ich lebe, versteckt, sehe ich Dinge, um die ich das Land nicht beneide. Ein zentralisierter Staat, der durch sein elitäres Bildungssystem und die Hauptstadt Paris eine soziale Ungleichheit schafft. Ein Land, das so gespalten ist, dass fast die Hälfte der Bevölkerung die Rechtspopulisten wählt. Ein Land, das seinen Nationalstolz noch nicht verloren hat und sich oft nicht eingesteht, in der Vergangenheit Fehler gemacht zu haben. Da ist es mir doch selbst im 21. Jahrhundert noch nicht entgangen, dass Franzosen die Kolonialisierung afrikanischer Staaten herunterspielen oder ihre Nationalhymne mit mehr Herzblut als jedes andere europäische Land mitsingen. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich es nicht mag, wenn Franzosen ihre Gastronomie « verehren » oder sich am 14. Juli auf den Straßen versammeln. Vermutlich ist es sogar das, was mir in Deutschland fehlt. Und dennoch passiert es mir, die Franzosen als arrogant und als zu patriotisch abzustempeln.

Wahrscheinlich werde ich nie verstehen, wie die Vergangenheit die Länder, die sich den Rhein teilen, unterschiedlich geprägt hat. Und dennoch finde ich das gerade interessant.

Frankreich oder Deutschland? Ich kenne die Antwort nicht, aber ich glaube, ich muss mich auch nicht entscheiden, denn zusammen sind beide viel schöner!

-Paulina Pflanz

Es ist nun fast 16 Jahre her, dass ich meine Heimat verlassen habe, um als Au-Pair-Mädchen in Deutschland zu arbeiten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie aufgeregt ich war und wie ich mich auf die Reise freute! Alles, was ich bis dahin nur im Fernsehen gesehen hatte, würde ich mit eigenen Händen anfassen können : Wolkenkratzer, Schnee, schöne Straßen, die zu Weihnachten in tausend Lichtern glitzern… 

Ich wusste, dass Deutschland anders sein würde als Kamerun. Aber was mir nicht klar war, ist, wie unterschiedlich die Menschen in verschiedenen Umgebungen sein können. Alles war viel zu anders und viel größer, als ich es mir vorgestellt hatte. Alles ging auch viel schneller : die Menschen in der U-Bahn, die Autos, die Schlangen im Supermarkt… Mit der Zeit passt man sich an, verändert sich. Und der Begriff “Zuhause” wird verschwommen. Wenn ich reise, fühle ich mich wie ein Automat, der Punkte verteilt : Pluspunkte für die Pünktlichkeit, Minuspunkte für… 🙂

-Marie Pierre